Montag, 8. August 2016

15. Tag: Die Suche nach Anna und der Flug ans Kap

Mit einer Heldentat beginnt unser letzter Tag in Namibia: Nachdem bei allen so gegen 5.30/5:45 Uhr die Handywecker klingeln, wagt sich ein Mitglied unserer Reisegruppe, was den anderen Weicheiern viel zu kalt erscheint: Duschen unter freiem Himmel bei gefühlten 5 Grad Außentemperatur. Es ist - bei aller Bescheidenheit - der Autor dieses Blogs, der seinen Körper der Morgenfrische Namibias auf 1800 Höhenmetern preisgibt, um von Kopf bis Fuß frisch gewaschen später die Grenze nach Südafrika zu überschreiten - oder besser gesagt: zu überfliegen. Aber dazu später.

Ob nun per frischer Dusche oder nur per Katzenwäsche gereinigt: Um 6:30 Uhr verlassen wir wie geplant das Urbancamp in Richtung Armenviertel Katutura. Der verbliebene Jeep der Oßwalds, den Maik abfällig als Staubschleuder bezeichnet, ist randvoll gepackt mit Koffern, Rucksäcken und noch diversen Essens- und Getränkerationen der Urlauber nebst deren eigenen Körpern. Auch wenn es sich bei dem Isuzu um einen geräumigen Wagen handelt, sind Folgeschäden von Quetschungen weder beim Gepäck noch den Passagieren heute auszuschließen. Ilegalerweise müssen nämlich auf der Rückbank heute Morgen vier Personen sitzen, um alle Mann (und Frau) in den letzten Stunden durch Windhoek befördern zu können. Wir verlassen das Camp, in deren Zelthäusern wir alle nur mäßig gut geschlafen haben, obwohl die beheizbaren Matratzen wirklich schön kuschelig und mollig waren. Ob es nun der beengte Platz in den 140-cm-Doppelbetten der vier Männer waren, die kläffenden Köter in der Nachbarschaft oder die nahe Hauptverkehrsstraße: Der Schlaf war nur ein Mäßiger.

Egal: Wir sind wach, pünktlich und gut gelaunt und folgen dem Navi ins Township Katutura. Dort haben wir für 7-10 Uhr eine geführte Fahrradtour gebucht, um die andere Seite Windhoeks und letztlich Afrikas kennen zu lernen. Wir sind auch nach 6km Fahrt durch das aufwachende und pulsierende Hauptstadtleben halbwegs pünktlich in der Evelinstreet. Leider finden wir aber weder die Hausnummer 105 noch das auffallend grüne Haus dazu, das wir auf dem Internetausdruck sehen. Es gelingt uns auch nicht, als wir zwei Passanten und zwei Polizisten fragen. Um 7:15 Uhr rufen wir dann mal bei Anna an, der Chefin der kleinen Agentur Katu-Tours, die diese Fahrrad-Sightseeing-Touren anbietet. Und siehe da: Sie hat unseren Termin auch noch vergessen, wartet also gar nicht auf uns in dem Moment. Was tun? Wir verabreden, dass wir weiter ihr Office suchen und sie überlegt, was wir tun können. 

 
Nach einer halben Stunde sind wir keinen Millimeter weiter. Wir haben den Ausgangspunkt der Tour nicht gefunden (vielleicht ein Haus, das so aussieht, aber die Nummer 104 statt 105 trägt) und Anna hat nicht mehr angerufen. Da wir nach hinten heraus durch unseren Flug nach Kapstadt um 12:55 Uhr arg limitiert sind, entschließen wir uns, das Thema Fahrradtour aufzugeben und in Ruhe in die Stadt frühstücken zu fahren.

Als wir inmitten des Berufsverkehrs die Hälfte der Strecke zurück in die City bewältigt haben, meldet sich Anna und will die Tour doch unbedingt mit uns machen. "We dont cancel the Tour", wiederholt sie penetrant im Gespräch mit Anne, die ihr vergeblich versucht zu erklären, dass es für uns jetzt wirklich zu spät ist. Anne wird sie erst durch rohe Gewalt los: Sie legt irgendwann einfach auf.


 
Poldi lotst mit dem Motorrad-Navi der Oßwalds seinen Vater geschickt durch den quierligen Morgenverkehr. Aus dem Reiseführer haben wir uns ein Café ausgesucht, das von Menschen mit Behinderungen geführt wird. Wir kommen an im "Craft Center", einem großen Innen- und Hinterhofkomplex mit vielen alternativen Kunsthandwerkerläden und Sozial- und Kunsteinrichtungen. Widerum verbotswidrig fahren wir in den Hof hinein, denn wir wollen unseren Jeep - vollbeladen mit all unserem Hab und Gut - nicht den Klein- oder Großkriminellen dieser Stadt preisgeben, von denen hier ja angeblich an jeder Straßenecke Hunderte herumlungern (wenn man manch übertriebener Warnung Glauben schenkt). Übertriebenen Vorurteilen schenkten wir auch bei der Fahrt nach, in und von Katutura wieder weg ausreichend Raum in unserem Auto - und hatten unseren Spaß dabei. 

In dem Kleinkunstzentrum finden wir in der hintersten Ecke auch einen wunderbaren Gratis-Parkplatz. Weniger erfolgreich sind wir hingegen bei der Suche nach dem Café. In einem benachbarten Lokal mit angeschlossenem Musikinstrumenten-Geschäft erfahren wir vom schweizerisch-namibischen Sohn des Inhabers in bestem Deutsch, dass der Laden schon vor drei Jahren zugemacht hat - aber wegen der Reiseführertipps immer noch pro Woche mindestens zwei Gruppen bei ihm danach fragen.

Wie gut, dass er gerade sein Café öffnet und wir schon gegen 8:40 Uhr und damit 20 Minuten vor offiziellem Start einen Kaffee bekommen, der mit leckerem Duft gerade durch die Maschine läuft. Sein Kollege ist gerade dabei, die Tagesration Baquettes - gefüllt mit Schinken, Käse, Salami oder frischem Mett - zuzubereiten. Wir sorgen gleich für Rekordumsätze, in dem wir ihm 13 Stück - und damit fast seinen gesamten Tagesvorrat - abkaufen. Sie sind ebenso lecker wie die Atmosphäre in dem Künstlerhof entspannt und cool und sein Wlan leistungsstark ist. Was will man mehr? Der Ärger über die ausgefallene Fahrradtour verfliegt mit jedem Kilobyte, das wir über WhatsApp, Facebook oder sonst irgendeine Software in die digitale Welt versenden.

 






















Hatten wir uns angesichts der Morgenkälte für die Fahrradtour noch mit langen Umterhosen, Wintermützen und - ja - teils sogar Handschuhen präpariert, genießen wir jetzt die mit der Morgensonne aufsteigende Wärme zwischen den Läden, Cafés und Galerien.

Wir amüsieren uns über ein ebenfalls kunstvoll aufgestelltes Baugerüst an einem gegenüber liegenden Hochhaus. Deutsche Sicherheitskontrolleure hätten die Baustelle sicher längst zugemacht, aber es scheint zu halten und seinen Zweck zu erfüllen.

Die meisten von uns decken sich bei den Kunsthandwerkern noch mit etwas Nippes für zu Hause ein, bevor wir uns um kurz nach 10 Uhr auf den Weg zum 40km entfernten International Airport machen. Um kurz vor 11 Uhr sind wir dort und geben unsere "Staubschleuder", die besser "Sandschleuder" heißen müsste, problemlos beim Hertz-Stand ab. Jetzt heißt es noch Gepäck sortieren und umpacken, um Flüßigkeiten zu trinken oder in den Koffern zu verpacken, Müll auszusortieren oder Gewichte gleichmäßig zu verteilen, damit keiner das 23-kg-Limit überschreitet. Was übrig ist, schenken wir dem freundlichen Herrn von der Autovermietung und einer Reinigungskraft. Maik und Anne wickeln ihre Gepäckstücke wieder zum Schutz im Dönerlook in Frischhaltefolie.



 























In dem kleinen Airport mit seinen drei, vier Schaltern, wollen wir schnell einchecken, was aber nur Dreien von Sechsen gelingt. Die Oßwalds stehen  bestimmt eine Viertelstunde ganz vorne in der Reihe der wartenden Passagiere. Die Dame von Air Namibia tippt und tippt auf ihrem PC, schüttelt immer wieder mit dem Kopf und wendet sich fragend an einen Kollegen. Bei uns und den hinter uns wartenden Gästen wächst die Ungduld. Sieht so aus, als seien wir nicht registriert oder eingebucht in dem Flieger. Was wird das jetzt werden? Fliegen Anne, Maik und Alisa alleine nach Kapstadt? Kommen die Ossis erst morgen nach und müssen alleine noch eine Nacht in Windhoek verbringen? Alle möglichen Szenarien gehen den Oberhessen durch den Kopf.

Dann erscheinen wir plötzlich doch im Computer - "bad System", erklärt die Dame am Schalter als Grund für die Verzögerung. Es hätte sich wohl jedes Mal beim Eintippen unseres Namens aufgehängt. Gepäckgewicht passt auch und mit Bordkarten in der Hand gehen wir zum Gate. Von dem gibt es nur eines für alle Flüge hier am Windhoek-International-Airport.

Wir warten noch ein bisschen bis zum Boarding, das wieder aus gemütlichem Spazieren der Reisenden - jeder für sich - übers Flugfeld zur Maschine der Wahl besteht. Dirk erinnert sich an seine Brasilien-Rundreise in den Neunzigern, als er auf diese Weise mal in einen falschen Flieger eingestiegen war. Passiert uns diesmal nicht, zumal der Pilot vor dem Losrollen ausdrücklich nochmal fragt, ob auch jeder nach Kapstadt und nicht mit dem Nachbarflieger nach Johannesburg will.

 





























Nach zwei angenehmen Flugstunden im nur ein Viertel gefüllten Airbus kommen wir um kurz vor 16 Uhr Ortszeit (plus eine Stunde) im sonnigen und mit 19 Grad angenehm temperierten Kapstadt an. Und dass, wo uns wirklich jeder in den letzten Tagen erzählt hat, wie regnerisch, kalt und windig es zu dieser Jahreszeit dort sei.

 

Wir übernehmen bei Europcar unseren niegelnagelneuen Hyundai-H1-Bus mit 48 Kilometern auf der Uhr umd steuern das Nobelviertel Camps Bay direkt zwischen Tafelberg und Atlantik an. Was uns dort erwartet, entspricht allen Versprechungen der Airbnb-Anzeige, wo wir gebucht haben. Ein luxuriöses Haus, riesige Glasfronten, edle Ausstattung und eine riesige Terrasse mit einem 180-Grad-Blick aufs Meer und die Bucht von Camps Bay.

 

 

Nach der Einweisung durch den freundlichen Hausmeister und eine später noch liebevolle Begrüßung durch die unten im Haus wohnende Besitzerin Michelle, genießen wir erstmal den Sonnenuntergang auf den chilligen Sofas auf der Terrasse.
















Im Anschluss laufen wir zur Standpromenade, essen und trinken lecker im "Butcher" und sind gegen 23 Uhr wieder in unserer Traumvilla.

14. Tag: Von Erindi über die MAZ-Lodge nach Windhoek

Unser 14. Tag beginnt relativ früh, wir räumen unsere Häuser auf, checken aus und kratzen um kurz nach 8 Uhr die Kurve vom Erindi-Resort. Wir nehmen Kurs auf Okahandja, etwa 80km entfernt, wo Anne im Reiseführer eine deutsche Bäckerei zum Frühstück ausfindig gemacht hat, die auch am heutigen Sonntag bis 12 Uhr auf hat.


Gegen 10 Uhr sind wir da, finden auch relativ schnell unseren Bäcker. Der hat aber entgegen aller Erwartung zu. Schnell klärt sich auf weshalb: Anne hat Samstag mit Sonntag verwechselt. Wir fragen die Besatzung eines Rettungswagens, die neben unserer deutschen Bäckerei in Bereitschaft steht nach Frühstücksmöglichkeiten. Die Sanis spüren offenbar, dass unser Team aus mehrheitlich aktiven und passiven Feuerwehrleuten und angehenden Rettungssanitätern besteht und helfen uns extrem freundlich weiter. Sie schicken uns 500 Meter weiter in einen großen Spar-Supermarkt. Dort gibt es eine leckere Bäckerei, in der wir sogar zwei Stunden festhängen. Es gibt nämlich nicht nur ein Frühstück vom Feinsten mit frischgemachten Omletts, Sandwitches, Burgern oder Toasts, sondern auch...- na, ahnt Ihr es? genau: freies Wlan! Und zwar zur Abwechslung mal richtig schnelles.

Es ist deutlich nach 12 Uhr, als unser Bad im dicken Breitband mit angeschlossenem Frühstück endet und wir wieder Windhoek ins Visier nehmen, unser heutiges Tagesziel, wie die Karte zeigt:

 
Vorher wollen wir aber einen Abstecher machen zur Immanuel-Wilderness-Lodge, etwa 10 Kilometer vor der Hauptstadt. Die hat vor 9 Jahren Stephan Hock, der frühere Besitzer der MAZ, übernommen und führt sie mit seiner Frau Sabine seitdem ziemlich erfolgreich. Mit einigen verkehrstechnischen Umwegen finden wir sie auch. Eine sehr edle Lodge, aber vor den Toren der Stadt, unweit von Industrie und Vorstädten, ist ihre Lage ziemlich unattraktiv. Egal, wir fahren auf den Parkplatz, bewundern die Strauße im Gatter davor und fragen an der Rezeption nach Familie Hock. Aber die Besitzer sind in der Stadt, erfahren wir vom freundlichen Personal.

Wir setzen uns bei Cola oder Cappucino auf die schöne Terrasse, um nach wenigen Minuten den Jeep der Hocks ankommen zu sehen. Sie begrüßen uns, wir stellen uns als Kreis-Gießener vor und unterhalten uns ein paar Minuten zusammen. Die Zwei sind etwas gequält freundlich, spätestens als sie erfahren, dass wir gar nicht übernachten wollen, sondern nur auf einen Kaffee vorbeischauen. Dafür erzählen sie uns, wie erfolgreich sie sind und wie toll ihre Lodge überall bewertet ist. Als Anne ihnen erzählt, dass Dirk ja früher mal in Jugendzeiten für die MAZ nebenberuflich gearbeitet hat, schießt die arrogante Chefin mit einem Kommentar zu ihrem Mann den Vogel ab: "Ach, bestimmt als Zeitungsausträger." Genau! War zwar als Journalist, aber ist egal...wir haben später den ganzen Abend unseren Spaß mit dem Zitat. Maik schmiedet potentielle BILD-Schlagzeilen nach dem Muster "Skandal in Namibia: Auswanderer titulieren deutschen Politiker als Zeitungsjungen". Wir machen jedenfalls noch ein Foto mit Dirks früherem "Chef" und fahren weiter Richtung Windhoek.

 
 
Oder sagen wir so: Wir versuchen es, denn das Navi schickt uns anstelle der gut ausgebauten Bundesstraße auf eine Schotterpiste, die nach 5km an Erdwällen endet. Wie sich später herausstellt, war "kürzeste Strecke" statt "schnellste" eingestellt.

Irgendwann erreichen wir dann doch das "Urban Camp", einen alternativen, aber sehr gut geführten Campingplatz, auf dem wir Zelthäuser mit festen Betten (und sogar beheizbaren Matratzen) gemietet haben. Wir checken ein, laden unser Gespäck aus und sondieren die Lage. Als erstes fällt uns ein wichtiges Verkehrsschild auf:

 
Total witziges Publikum hält sich hier auf: Die meisten sind Profi-Camper mit urigen Landrover Defender-Jeeps, Dachzelten oder technisch zum Überleben in der Wildnis bestens und professionell ausgerüsteten Anhängern. Auch ein Wüsten-Truck-TV-Übertragungswagen steht in der Nachbarschaft, der in Kürze wohl irgendeine Afrika-Rallye begleiten wird.

Wir checken am Pool kurz das dortige Wlan, aber aus unerfindlichen Gründen kommen nur Drei von uns hinein - die Oßwalds müssen draußen bleiben.


 
Die Sanitäranlagen sind in Ordnung und sauber, die Bäder zum Hinmel offen und seitlich mit dichtem Schilf verkleidet - die Toiletten immerhin mit Türen versehen.

Maik und Dirk fahren den ersten Jeep zum nur 5km entfernten Inlandsflughafen, müssen Gott-sei-Dank nicht damit zum 40km weiten International Airport. Sie geben ihn bei Avis ab, weil die Mietzeit des einen Autos irgendwie einen Tag kürzer war als für den anderen. 

Zurück am Camp, machen sich die Oberhessen auf zum Marsch zu "Joe's", einem sehr genialen, coolen Restaurant, dass von Reiseführern wie persönlichen Empfehlungen schon lange auf unserer Liste stand. Es ist genialer Weise auch nur 500m vom Camp entfernt, so dass wir hinlaufen können.

 
Ein total witziger Laden. Urig eingerichtet, eine Mischung aus Restaurant, Biergarten und Buschcamp. Dass das Schild mit dem Hauswein am Eingang ernst gemeint ist, zeigt die Sammlung von (leeren) Jägermeister-Flaschen an der Decke im gesamten, wirklich riesigen Lokal: das müssen einige Tausend sein! Aber es gibt auch andere deutsche Kräuterbitter:


Es gibt mehrere Bereiche unter freiem Himmel, teilweise überdacht und die Bereiche in sich immer als Rondell angelegt. Wir sitzen um ein riesiges offenes Feuer, das in einem Feuerkorb vor sich hin lodert und knistert. Wir essen leckere Vorspeisen - Carpaccio vom Oryx und rohen Schinken vom Knu mit Melone - danach Fleischgerichte sowohl afrikanischer wie europäischer Art - allesamt in sehr ausreichenden Portionen.

Weil das Wlan nicht bis zum Tisch reicht, verschwinden Poldi und Dirk mal für 45 Minuten zum Surfen an die Bar - die beiden haben ja im Camp leider keinen Empfang.

Um 20:30 Uhr sind wir zurück und trinken in der Bar noch zwei Absacker. Anne und Dirk quatschen noch längere Zeit mit einem Schweizer Aussteiger, der seit zwei Jahren mit seinem Landrover auf Tour durch Osteuropa, Asien und Afrika ist. Er schwärmt am meisten und in höchsten Tönen vom Iran, bevor auch die Zwei gegen 21:45 Uhr die Rechnung zahlen und ihre Zelt aufsuchen...

Sonntag, 7. August 2016

13. Tag: Erindi - den ganzen Tag (ohne Wlan)

Unser heutiger Tag sollte wenig spektakulär werden. Wir haben zwei Nächte hier gebucht. Die erste ist herum und wir entschließen uns, heute keine der angebotenen Touri-Touren zu machen auf den großen offenen Safari-Lkw. Denn erstens sind Touris, zumal Deutsche, peinlich (wir ausgenommen). Zweitens sagen wir uns, dass wir eigentlich schon alles (Wesentliche) aus der hiesigen Tierwelt gesehen haben auf den diversen Touren der letzten 13 Tage oder direkt vor uns am Wasserloch.

Also legen wir einen Chilltag ein, zumindest was den männlichen Teil der oberhessischen Reisegruppe betrifft. Denn als die Herren sich um kurz nach 8 Uhr aus den verschiedenen Betten bewegen, haben unsere Damen bereits im nahen Kiosk-Gebäude die erste Maschine Wäsche gewaschen. Respekt!

Im Haus der Ossis bereiten alle zusammen das Frühstück zu. Anne macht Rüherei und schnippelt Äpfel zum Müsli mit Joghurt. Dirk kocht den (Instant-)Kaffee, Alisa deckt den Tisch draußen auf der Terrasse. Mit dem Blick auf unsere Nilpferde genießen wir ein wirklich leckeres Morgenmahl.

 
Poldi ist nicht ganz so gut drauf heute. Sein Handy hat ihm schon angezeigt, dass Laubachs Feuerwehr gestern Nacht ausgerückt ist. Der dritte Einsatz während seines Urlaubs und somit ohne ihn. Als er von Anne (und die von ihrem Papa) noch erfährt, dass es in einer Wohnung in der Innenstadt gebrannt hat und Poldi womöglich als Atemschutz-Geräteträger hätte eingesetzt werden können, ist seine Stimmung auf dem Tiefpunkt. Niemehr fährt er in Urlaub, beschließt er in diesem Moment.

Das Spülen nach dem Frühstück gestaltet sich für die jetzt diensthabenden Oßwalds langwierig, weil der Bratentopf, in dem Anne die Eier gemacht hat, unbeschichtet war und sich die Eier entschieden hatten, eine besonders feste Verbindung mit dem Alu einzugehen.

Im Anschluss an den ausgiebigen Spülvorgang gehen Maik, Poldi und Dirk zum Kiosk einkaufen - Wasser und Lebensmittel für das Abendessen. Außerdem ist jetzt auch für die vier Jungs bzw. deren Schmutzkleidung ein Waschgang angesagt. Maik übernimmt die Federführung, denn die drei Oßwalds sind von dieser Kompetenz leider völlig unbeleckt. Im Kiosk kaufen sie einen Coin (Token) für die Waschmaschine im Hinterraum. Die ist aber noch voller Wäsche anderer Gäste, so dass wir wieder unverrichteter Dinge zurück zu unseren Häusern spazieren. Dabei treffen wir eine Familie aus Aachen, die schon mit uns in der Eldorado-Farm war und die wir auch im Etsoha-Park getroffen haben. Die Wege der Touristen sind doch ziemlich ähnliche, wie wir feststellen.

Maik erledigt später das Wäschewaschen alleine, denn die Oßwalds machen sich mit ihrem Isuzu-Pickup auf den Weg durch die Wildnis, um auf die Jagd zu gehen. Aber nicht nach Großwild, sondern nach freiem Wlan! Kann sich jemand vorstellen, was es für zwei Jugendliche bzw. junge Erwachsene im Alter von 17 und 19 Jahren, deren Hände mit dem Smartphone zusammengewachsen sind, bedeutet, inzwischen gut 16 Stunden keine Internetverbindung zu haben? Also fahren die Drei aus dem "Camp Elefant", dem Selbstversorger-Areal des riesigen Erindi-Resorts, zur 25km entfernten "Old Traders Lodge", dem Edel-Part  des Parks mit Villen und Restaurant. Hier soll es Wifi geben, hatten sie heute Morgen im Kiosk erfahren.

Nach halbstündiger Fahrt (Poldi steuert übrigens im Urlaub zu 95% den Geländewagen der Oßwalds) kommen sie an und werden von einem Kofferboy schon herzlich begrüßt. Koffer haben sie aber keine dabei, dafür nach Internetsignalen lechzende Handys. An der Rezeption sitzt ein schwarzer, dicker, weiblicher Drache, der den Dreien erst einmal zu verstehen gibt, dass sie ohne amtliche Erlaubnis gar nicht hätten durch den Park fahren dürfen. Wer ihnen das denn erlaubt hätte, gafft die Rezeptionistin Dirk barsch an. Der überlegt kurz, zückt seinen Presseausweis und stellt sich als deutscher Reisejournalist vor. Schlagartig verwandelt sich der Drache zum zärtlichen Reh und telefoniert freundlichst mit dem Restaurant, in dem die Drei jetzt gerne einen Drink einnehmen können. 

Was sie auch in fetten Sesseln auf der Terrasse des Lokals tun, den Blick dabei gerichtet auf ein riesiges Wasserloch unter ihnen, das eher einem Flusslauf gleicht. Giraffen traben am Ufer entlang und knabbern Grünzeug von den Sträuchern.

 
Die Drei sitzen bestens, genießen Ausblick und kühle Getränke, erreichen aber das Ziel ihres Ausflugs nicht. Denn trotz aller erfolgreich angewendeter Tricks, die Lodge zu erreichen und zu betreten, kriegen sie hier keine Verbindung ins World-Wide-Web. Es gibt zwar haufenweise offene Wlans, in die sie sich auch einloggen, aber die Wlans der Lodge haben aufgrund einer technischen Störung keine Verbindung ins Netz. Pech gehabt! Zeit für die Rückfahrt ins Camp Elefant.

Nach dreißig Minuten Fahrt kommen sie von ihrem illegalen Trip zuruck. Es ist jetzt gut 15 Uhr. Am Haus der anderen Drei flattert die Wäsche im Wind, die Maik gewaschen und an einer mit Kofferbändern selbstgebauten Wäscheleine in den warmen namibischen Wind gehängt hat.

 















Die Drei haben unterdessen auch eine Episode von Hitchcocks "Vögel" eingespielt. Als Alisa Kekskrümel an der Feuerstelle auskippt, kommt erst dieser Spion-Papagei, dann 40-50 andere, kleine Geier, die einen Mordskrach machen und sich nicht nur auf die Krümel stürzen, sondern auch die Oberhessen angreifen. Maik wehrt sich mit Hilfe aus Wasserflaschen gebauter Spritzpistolen und eines Stuhls, mit dem er auf die Biester losgeht. Der Veröffentlichung des entsprechenden Fotos hat er aus Imagegründen hier leider widersprochen.









Nach einem nachmittäglichen Kaffee und einem Plausch über alles und jeden beginnt der Magen zu knurren. Als auch die jungen Herren nach der vergeblichen Jagd aufs freie Wlan und kurzer Mittagsruhe auf die Nachbarterrasse kommen und durch die Blume fragen, wie die weitere kulinarische Planung denn heute so aussähe, entschließen sich Maik, Anne und Alisa, das Thema aktiv anzugehen. 


 
Aus 1,5 Kilo Spaghetti, übrigen Hacksteaks vom Barbecue gestern und verschiedenen Dosen-Tomaten aus dem Kiosk zaubern sie eine extrem leckere Spaghetti Bolognese, die wir gegen 17:30 Uhr gemütlich auf der Oßwald'schen Terrasse verspeisen.

 



Danach sitzen wir bei Wein und Bier noch zwei schöne Stunden zusammen. Anne entdeckt ein Nashorn am Wasserloch, womit wir nun endlich auch ganz offiziell alle "Big Five" der afikanischen Tierwelt (Löwe,  Giraffe, Leopard, Nilpferd, Nashorn) abgehakt hätten.

Heute schon gegen 20 Uhr trennen sich die Wege der sechs Oberhessen. Es ist erstens ab 18 Uhr stockfinster, wird zweitens schon wieder ziemlich kalt auf der Terrasse, denn wir bewegen uns seit Etosha wieder gen Süden und sind immerhin zurück auf 1560 Höhenmetern angelangt. Und drittens wollen wir morgen um 8 Uhr hier die Kurve kratzen, um nach 170km Fahrt in Windhoek, dem letzten Tag in Namibia, alles erledigen zu können, was noch so ansteht...

12. Tag: Mit Horst aufs Farmland...

Unser Morgen auf der Etendero-Farm beginnt mit einem ausgesprochen leckeren Frühstück. Zusammen mit den Farmbesitzern essen wir gegen 8:30 Uhr leckeres Rührei mit Speck, Toastbrot, Müsli, frischem Obst und allerhand Aufschnitt. Maik ist begeistert vom Corned Beef, das Horst gestern selbst hergestellt hatte und stolz serviert. Die Zwei mögen sich, wie sich im Laufe des Vormittages noch vertieft herausstellen sollte.

Wir kommen beim Kaffeetrinken schon wieder ins quatschen über Lokal- und Weltpolitik von Namibia bis Oberhessen. Ein Thema führt zum nächsten und wir müssen uns um kurz vor 10 Uhr mühsam aufraffen, um unser Programm langsam anzugehen. Horst will mit uns noch eine Fahrt über das Farmgelände machen. Vorher räumen wir die Zimmer und packen die Autos, denn eine ganze Gruppe ist für alle rund 15 Zimmer heute angekündigt. 90% der Farmgäste sind Deutsche, erfahren wir, die meisten kommen über zwei, drei größere Reiseveranstalter.

Wir besteigen die nach oben offenen Sitzbänke des Jeeps, Horst sitzt vorne und fährt. Zwei kleine süße farbige Farmbewohnerkinder begleiten uns sowie einer der Hofhunde.

 
Die Fahrt geht zunächst zu einem Teil der in den letzten Monaten von 400 auf 250 stark dezimierten Rinderherde. Wegen akuter Dürre im Land finden die Tiere auf dem ohnehin kargen Farmland nicht mehr genug Grünes zu fressen und drohen zu verhungern. 

Heu gibt es mangels Wiesen keines dazuzufüttern, also haben Dietzens 150 Tiere bereits verkauft in den letzten Monaten. Heute kontrolliert Horst ein krankes Tier, das er gestern während unserer Ankunft noch behandelt hatte. Aber: Es liegt tot auf der Weide.




Anne und Maik betätigen sich sogleich professionell als Viehtreiber und scheuchen den Rest der Herde aus den Gattern raus aufs Land. Horst ist begeistert. "Jobangebot kommt", kündigt er den Beiden an, zumal Maik als gelernter Elektroinstallsteur ihm noch ein Stromproblem erläutern bzw. zur Lösung beitragen kann. Wir fahren mit dem Jeep ein Stück hinter der Herde her, aber die Tiere kennen ihren Weg.

Horst fährt mit uns dann weiter auf eine Erhebung, von der aus man einen tollen 360-Grad-Blick in das von Gebirgszügen am Horizont eingerahmte Gebiet hat. 

 
Er beschreibt uns die Grenzen der 11.000 Hektar (!) großen Farm, die bis zum Horizont gehen - unfassbar, wenn man bedenkt, dass die gesamte Großgemeinde Laubach "nur" 10.000 Hektar umfasst. 

Auch dort oben, dem Platz eigentlich für Sonnenuntergangsfahrten, erklärt er uns anschaulich das Alltagsleben der Menschen hier in Namibia im Allgemeinen und das der Farmer im Besonderen, das Verhältnis von Schwarzen und Weißen, die Chancen und Risiken des Landes. Wir kleben an seinen Lippen, selbst unsere jungen Männer hören gebannt zu, erfahren hier viel davon, wie es hier wirklich läuft im wahren Leben. Poldi sagt später, das wäre der bisher schönste Teil der Reise gewesen.

Zurück an der Farm, machen wir ein Gruppenfoto am Zitronenbaum für einen Zeitungsbericht daheim über unseren Besuch bei den Beiden und trinken mit Horst und Regine noch etwas Kühles zum Abschluss auf der Veranda, serviert natürlich - wie es sich für Oberhessen gehört - auf einem "Licher-Tablett" aus dem Herzen der Natur.

 
Dirk lädt noch mühsam durch das immer noch sehr lahme Wlan-Netz wenigstens drei Bilder hoch für die Daheim-gebliebenen (siehe unten).

Auf der Übernachtungs-Rechnung räumen die Rabenauer den Laubachern (mit Steinbacher Gast) einen netten zehnprozentigen "Hessen-Rabatt" ein, bevor es gegen 13:30 Uhr nach herzlichem Abschied weiter geht in Richtung Süden.

Unser Ziel heute ist die 80km entfernte Erindi-Farm. Auf dem Weg dorthin tanken wir (immer nur zur Sicherheit, obwohl die Tanks meist noch Dreiviertel voll sind) die Autos voll.

 
Am späten Nachmittag kommen wir auf der Erindi-Farm an - einem riesigen privaten Wildpark mit 55.000 Hektar (!) Größe und unzähligen dort in freier Wildbahn lebenden Tieren. Der Etosha-Park im Kleinen, könnte man meinen. Jens und Gabi Schäfer-Klaus hatten uns im letzten Jahr den Tipp gegeben, hatten in den höchsten Tönen geschwärmt davon. Zu Recht, wie sich in der folgenden Zeit herausstellen sollte.

An einem der Eingangstore, an dem wir anlanden, geht erstmal per Lichtschranke der akkustische Alarm los. Aus dem nahen Wärterhäuschen kommt ein mit Kalaschnikow-Maschinengewehr bewaffneter Wärter auf uns zu. Puh! Das hatten wir auch noch nicht. Er ist aber sehr freundlich. Wir müssen uns in Listen eintragen, bevor wir reingelassen werden. Der Grund dieser martialischen Bewachung ist wohl der Schutz vor Wilderern in dem mit wertvollen Wildtieren besiedelten Park. 

Hier sind wir zwei Nächte - haben schöne Selbstversorgerhäuser im Camp Elefant direkt an einem beleuchteten Wasserloch.

 
Schon zur Ankunft fallen uns fast die Augen aus dem Kopf. Vielleicht 30 Meter vor unseren Häusern - getrennt natürlich durch stark gesicherte Elektrozäune - begrüßen uns zahlreiche Nilpferde, Krokodile, später auch ein imposanter Elefant und allerhand Kleinviehzeug am Wasserloch. Eine unglaublich traumhafte Kulisse in der Abendsonne...

Während Dirk diese Zeilen und "Notizen für die Provinz"-Rubrik für die Giessener Allgemeine verfasst, holen die anderen am Shop an der Rezeption Essenszutaten inkl. Brennholz für unser Barbeque heute Abend auf der Terrasse mit Blick auf die wilden Tiere am Wasserloch. Maik und Alisa feuern den gemauerten Außengrill an, während die anderen sich an dem Naturschauspiel gar nicht sattsehen können und die Ferngläser und Kameras im Anschlag haben. 
 




Inzwischen sind auch fünf Giraffen da und wieder ein Elefantenbulle, wegen dem sich die Giraffen nicht ans kühle Nass trauen und im Hintergrund halten. Die Nilpferde genießen das faule Herumliegen im Tümpel, gehen nur ab und zu mal gemächlich ans Land. 



Dazwischen allerhand kleines Getier, zu späterer Stunde auch eine Herde Zebras. Es ist wie auf einer Theaterbühne, die Kulisse in der untergehenden Abendsonne wirkt so un-wirklich realistisch, als würden die Tiere wie für einen Film von Heinz Sielmann trainiert hier ihre Rollen spielen. Dabei kommen sie nur wegen der Trockenzeit und Dürre so zahlreich an das weit und breit einzige Wasserloch. Nachts ist es übrigens beleuchtet, so dass wir beim Wein und Bier immer wieder auch den Blick richten darauf, was gerade so herumspaziert vor unseren Augen.

Gegen 22 Uhr verabschieden sich die Letzten ins Bett - Anne, Maik und Dirk. Die anderen Drei hatten sich schon früher nach und nach in ihre gemütlichen Betten verkrümelt.

Donnerstag, 4. August 2016

11. Tag: Vom Etosha in die Rabenau

Die letzte Nacht war eine Aufregende. Dirk war wie fast immer der Letzte, der zu Bett ging, weil das Internet immer besser wird zum Hochladen von Bildern in diesen Blog je weniger Nutzer im Wlan sind. Nachdem sich Maik gegen 21 Uhr und Anne um halb zehn verabschiedet hatten, nutzte er die Chance für breiten Datenzugang bis Lokalschluss um 22 Uhr - und schaffte es tatsächlich, für die verehrten Leser noch ein paar fotografische Impressionen aus der Wildnis digital bereit zu stellen (was wegen des wirklich lahmen Internet vorher stundenlang nicht ging). 

Parallel gab es mit seiner, derzeit zum Wandern im Kleinwalsertal weilenden Gattin noch eine kleine Diskussion per WhatsApp, weil sie beim Lesen des Blogs (und vor allem beim Betrachten des Naturparkführerfotos) gar nicht bemerkt hatte, dass "Kird" Dirk war und wir uns einen Heidenspaß daraus gemacht hatten, das Foto zu stellen und per Montage zu verfremden. Hat also alles funktioniert: Die Mutti hat es nicht gemerkt - der eine oder andere Leser schon oder auch nicht. Riesengaudi war jedenfalls garantiert.


Aber zurück zum Lokalschluss um 22 Uhr und dem letzten Gast in der Bar: Dirk steigt um 21:57 Uhr mit dem Hochladen des letzten Fotos von gestern aus dem Wlan aus und verlässt zur Freude des Farmbetreibersohnes, der auf den letzten Gast warten muss, endlich das Lokal.

Er macht sich auf den Weg zu seinem Zimmer, unterquert dabei den Fledermausbaum, in dem sich prompt ein Aufschrei entwickelt, und steuert sein Zimmer an. Ganz vorsichtig drückt er die Türklinke herunter, um seinen Bettnachbarn Maik nicht wie in Swakopmund zu Tode zu erschrecken - und vor allem nicht wieder zu einem Todesangstschrei wie damals zu verleiten.

Aber Dirks Sorge um Maiks Nachtruhe war völlig unnötig, wie sich jetzt rausstellt. Der Gute schläft nämlich Dank Oropax so gut und tief und fest, dass sein leises, zufriedenes Schnarchen durch das dünne Holztürblatt nach draußen dringt. "Wunderbar", denkt Dirk, "dann wird er sicherlich nicht wach, wenn ich jetzt leise reingehe." Doch damit wird es nichts, denn der gute Maik hat zum Schutz vor blutrünstigen Einbrechern und Mördern, die hier ja überall herumlungern, die Zimmertür von innen verschlossen. Und Dank des Lärmschutzes in den Ohren und des auch ohnehin von ihm bekannten unstörbaren Tiefschlafs schon 3 Minuten nach dem Augenschließen, lässt er sich auch von zunächst vorsichtigem, leisen, später festem und lauten Klopfen, Rufen, Tür- und Fensterhämmern nicht aus dem Schlaf des Gerechten aufwecken. Inzwischen dürfte dafür das ganze Camp wach sein. Aus der Richtung von Maiks Bett aber kommt ein unverändert ruhiger, sonorer Schnarchton.

Was jetzt tun? Dirk weckt seine Jungs, aber im Gegensatz zu den anderen beiden Zimmern haben sie nur zwei statt drei Betten. Bevor er das freundliche Angebot der Mädels annimmt, das dritte Bett bei ihnen zu nutzen, schnappt er sich von dort eine Gästematratze und das dritte Bettzeug von ihnen und richtet sich sein Lager auf dem Fußboden im Jungszimmer ein. Eine Nacht auf dem harten, kalten Beton liegt vor ihm. Aber er ist froh, dass sein Kumpel Maik wenigstens tief und fest und vor allem sicher schläft.


Jener wird allerdings um kurz nach 1 Uhr wach, um die Toilette aufzusuchen, entdeckt Dirks leeres Bett, überlegt noch kurz, ob er immer noch bloggt oder sich unterhält im Lokal. Sehr schnell wird ihm aber klar, was passiert ist und dass er aus purer Gewohnheit den Zimmerschlüssel herumgedreht hat. Jetzt plagt ihn die ganze Nacht ein schlechtes Gewissen, das er nur kurzfristig durch das Fluten der Duschwanne überlagern kann, durch die er zumindest für eine Stunde eine im Sifon lebende Grille zum Schweigen bringt.

Beim gemeinsamen Frühstück um 8:30 Uhr ist der Spaß riesengroß über die nächtlichen Aktivitäten und Wanderungsbewegungen zwischen den Zimmern.

Gegen 10 Uhr brechen wir dann auf - in Richtung der Etendero-Farm, etwa 200km im Süden. Diese Jagdfarm gehört seit 11 Jahren dem Rabenauer Horst Dietz, über dessen Geschichte wir vor Monaten in der Gießener Allgemeinen gelesen hatten und den wir heute besuchen wollen.

Um kurz nach 12 Uhr sind wir in der Kleinstadt Otjiwarobgo, kaufen im Supermarkt Wasser und ein paar Medikamente gegen Annes Erkältung ein. Am Geldautomat heben Einige von uns Bargeld ab - es gehen immer nur 2000 Namib-Dollar, was in etwa 130 Euro entspricht. Wir brauchen viel Bargeld, denn unser Rabenauer Freund akzeptiert nur Cash.

In dieser Stadt befindet sich zudem Namibias einzige Krokodilfarm, die ein Deutscher betreibt und die wir nach kleiner Suchfahrt durch Fragen eines Schuljungen auch finden. 

 

























Dort führt uns ein witziger Namibier, der sieben Sprachen spricht, durch die Anlage. Er erklärt uns alles über die Krokodilzucht, die hier betrieben wird. 14 weibliche und vier männliche Altkrokodile - alle um die 50-60 Jahre auf dem Panzer und 600 bis 1000 Kilo schwer - produzieren jährlich 1500 Nachkommen, die aufgezogen werden und im Alter von 3-7 Jahren in die Vermarktung gehen. 


Meist geschlachtet, denn wertvoll ist das Leder für Gürtel, Taschen oder Schuhe. 660 Euro bringen die zerlegten Teile, lebendig verkauft sich das Tier nur zu einem Drittel.

 
Unser Guide zeigt uns die verschiedenen Schau-Gehege mit Tieren unterschiedlicher Altersklassen. Das jüngste Krokodil dürfen wir auch mal streicheln - es ist so 3-4 Monate alt.
 

Im Restaurant der Farm essen wir zu Mittag - die kulinarisch Mutigen unter uns - Poldi und Maik - wählen Kroko-Gerichte - Poldi einen Krokoburger, Maik ein Steak. Das Essen ist lecker und äußerst reichhaltig, so dass wir uns mit vollen Mägen um kurz vor 15 Uhr in die Autos kugeln auf dem weiteren Weg zur Etendero-Farm.

Die erreichen wir so gegen 17 Uhr, denn die Fahrt zieht sich doch, zumal aus der Teerpiste plötzlich wieder Schotterstrecke wird. Die letzten 25 Kilometer sind zudem nicht nur eine kleine, schmale Sandpiste, sondern führen durch das Privatland von bestimmt drei Farmen, an deren Grenzen und teils dazwischen wir (= Anne) immer wieder Gatter auf- und zuschließen müssen. Wir kommen vorbei an einer in burgähnlicher Schloss-Optik erbauten Lodge irgendeines deutschstämmigen Adligen - mit Bundesadler auf Schwarz-Rot-Gold vom höchsten Turm wehend, versteht sich. Sehr abgefahren hier im Busch.

Fast schon zum Sonnenuntergang und nach Begegnung mit zahlreichen kleinen und großen Tieren am Wegesrand kommen wir auf Etendero an und werden herzlich von Regine Kroll, der Frau von Horst Dietz, auf dem herrschaftlichen Anwesen begrüßt. Nach einer kühlen Erfrischung kommen dann erst die Hofhunde begeistert zur Begrüßung, dann im Jeep der Hausherr, der nach einem kranken Rind in seiner Herde geschaut hatte.

Wir unterhalten uns bis halb Zehn mit ihm und seiner Frau über Gott und die Welt - vom Kreis Gießen bis Namibia und zurück -, genießen dazwischen leckere panierte Oryx-Schnitzel (die wie Schweineschnitzel schmecken und von der Farm sind) mit Jägersauce, Salzkartoffeln, Karotten, Salat und köstlichem Quarkdessert. Es ist total witzig, weil Horst Dietz viele Leute aus dem Kreis und aus Laubach kennt und zudem Gießener Tageszeitung im Internet liest, bestens informiert ist über alles, was daheim passiert.

Gegen 22 Uhr liegen alle in den Federn und freuen sich morgen auf eine Rundfahrt im Jeep über das 11.000 Hektar große Farmgelände. Unsere Tour heute:

 


Mittwoch, 3. August 2016

10. Tag: Mit dem Nationalparkführer in den Etosha

Wir wollen das (vermutete) Highlight der Reise - zumindest was Naturbeobachtungen betrifft - in vollen Zügen genießen. Deshalb klingeln die Wecker heute um kurz nach 5 Uhr. Start ist für 6 Uhr geplant, damit wir zum Sonnenaufgang am 8km entfernten Anderson-Gate, einem der drei Eingangstore zum Etosha-Nationalpark sind.


Unser Frühstück haben wir im Lunchpaket dabei. Und von der Ferne hören wir auch ein Motorengeräusch - muss unser Nationalparkführer sein. Tatsächlich. Er ist es. Kird ist sein Name, lebt seit der Geburt in Namibia, Nachkomme deutscher "Schutztruppler", wie die Soldaten hier früher hießen. Ein richtiger Naturbursche, seine Heimat ist die Wildnis, er kennt jeden Busch und Strauch und natürlich jedes Tier mit Namen. Wir sind riesig froh, dass wir gerade ihn gebucht haben, um nach Begegnungen mit Elefanten, Löwen und Leoparden heute Abend wieder lebendigen Leibes in der Farm anzukommen. Auch unsere besorgten Angehörigen daheim können aufatmen: Anne und Dirk haben weder Kosten noch Mühen gescheut und den Besten engagiert. Das ist er:

 

















Wir starten mit Kird bei Sonnenaufgang gegen 6:15 Uhr an unserer Farm, sind wenige Minuten später am Parkeingang. Wir müssen uns registrieren, die Reisepässe werden eingelesen und alle Daten der Personen und unseres Autos registriert. Da abends alle  wieder draußen oder in einem der vier Camps sein müssen, kontrollieren sie so, dass niemand abhanden kommt.

Mit der dunkelroten Sonne am Horizont fahren wir in den Etosha-Nationalpark hinein und steuern wenige Kilometer hinter dem Gate das erste Wasserloch - Ombika - an. Diese Löcher sind entweder natürlicher Art oder künstlich angelegt. Besonders in deren Umgebung lassen sich jetzt gut Tiere beobachten, denn es ist Winter- und damit Trockenzeit. Die Autos der Parkbesucher stehen dann mit offenen Fenstern am Wasserloch, denn Aussteigen ist im Park strengstens verboten. Wir sehen auch gleich weshalb, denn schon zum Start begrüßt uns eine schöne Miezekatze:

Löwen nur so wenige Meter entfernt in freier Wildbahn zu erleben, ist eine wirklich imposante Sache. Die Wildkatzen sind riesig, strahlen eine Kraft und gleichzeitig auch Ruhe aus, zumindest so lange sie herumliegen, was sie angeblich 20 Stunden am Tag tun. Poldi und Maik sehen sich in ihrem Sternzeichen bestätigt!


Wir fahren weiter, ca. 15km, bis zum ersten Camp Okaukuejo. Hier kaufen wir eine Karte vom Park, in der auch alle Tiere abgebildet sind - für uns zum "abhaken". Außerdem zahlen wir hier unseren Parkeintritt. Das Camp - eines von vier staatlichen - ist eine frühere Militärstation der deutschen Schutztruppe, die kurz nach ihrer Ankunft den Etosha-Park ausgewiesen, Jagdgesetze und -scheine (typisch deutsch, oder?) eingeführt und so die durch Wilderer stark dezimierten Bestände der Tiere wieder hochgepäppelt hatte.

Unser erfahrener Führer Kird lotst uns durch den aufwachenden Etosha in Richtung der nächsten Wasserlöcher Gemsbokvlakte, Olifantsbad und Aus. Unglaublich, wieviel Tiere schon während der Fahrt aus zu sehen sind: Ein Scharbrackenschakal schaut uns mit irgendetwas Undefinierbarem im Mal freundlich an, Springböcke und vor allem Schwarzgesicht-Impalas tauchen ständig im Gebüsch auf oder grasen in der Steppe. Wir entdecken auch ein Damara Dik-Dik aus der ähnlichen Gattung, Kudus und - erstmals am nächsten Wasserloch - auch Zebras. Später sehen wir sie öfter, etwa beim Queren der Straße.


Die Entdeckung für uns neuer Tierarten geht so, dass einer von uns beim Fahren plötzlich aufschreit, was den einen oder anderen angesichts der frühen Stunde aus seinem Halbschlaf reißt. Maik als unser Chauffeur legt dann aus den höchstens 60 erlaubten km/h eine Vollbremsung hin und wir nehmen mit den Ferngläsern und Dirks Spiegelreflexkamera die optische Beute ins Visier. Dazu gehören auch ziemlich schnell Giraffen. Ihr seltsamer, einmaliger Körperbau, verbunden mit ihrer äußerst gelassenen, grazilen Fortbewegung, macht sie zu eindrucksvollen Geschöpfen.

Auf diese Weise lernen wir entlang der meist recht gut ausgebauten Schotterpisten und Dank der fachkundigen Erläuterung durch Kird auch allerhand Vögel kennen, die wir sogleich im Bestimmungsbuch abhaken: die Kapkrähe, die Gackeltrappe, die Rotschopftrappe, den Weißbürzel-Singhabicht oder einen Raubadler.

Plötzlich entdecken wir auch eine ganz besondere Tierart. Sie fährt in komischen Bussen umher und fotografiert aus den Fenstern: Touristen...

Wir bewegen uns auf unserem Rundtrip östlich des Camps nun von Süden, vom Wasserloch Aus, in Richtung Etosha-Pfanne.

 
Wir fahren entlang der Pfanne westlich zurück in Richtung Camp. Die Pfanne ist eine bis zu 110km lange und bis zu 60km breite Salzsteppe, ein ausgetrockneter See, der sich in der Regenzeit nur sehr selten und nur teilweise füllt.

Wir erreichen nach insgesamt gut 5 Stunden wieder Okaukuejo, suchen als erstes die Toiletten auf, was angesichts des hier nötigen Trinkens bei gleichzeitiger Hoppelpiste und Austrittsverbot aus dem Auto eine nicht nur für die Mädels dringende Angelgenheit war.

Wir hatten am Abend vorher vom Sohn unseres Wirts erfahren, dass um 14:30 Uhr die Elefanten hier an das ziemlich berühmte Wasserloch des Camps kommen. Wir sind jetzt schon knapp drei Stunden früher hier und schauen schon mal vorbei. Und siehe da, ein Dickhäuter gibt sich jetzt schon neben unzähligen Oryx-Antilopen und anderem Kleingetier die Ehre.

 
Wir schauen uns von den bequemen Sitzbänken und einer kleinen Tribüne, die hier extra errichtet wurde, das Schauspiel an: Der imposante Bulle trinkt erst in aller Gemütlichkeit vom Rand des kleinen Sees vermutlich einige hundert Liter Wasser. Danach bewegt er sich ins Wasser hinein und beginnt damit, sich ein Wasser-Schlamm-Gemisch - aufgesaugt mit seinem Rüssel - ziemlich präzise auf seinen Körper zu spritzen. Es dürfte der Abkühlung dienen und gleichzeitig dem Auftragen einer Schutzhülle gegen Insekten und sonstiges störendes Getier.

Gegen 14 Uhr machen wir uns auf den Nachhausweg. Plötzlich ein Stau auf der Piste. Autos mit Warnblinkern. Schnell bemerken wir den Grund: Links von uns läuft eine Elefantenfamilie im Gänsemarsch durchs Gebüsch. Der Leitbulle vorneweg, dazwischen drei Jungtiere, ganz hinten wieder ein Koloss. Ein tolles Bild, wie sie so gemächlich durch die Landschaft ziehen.

Gegen 15 Uhr sind wir zurück auf unserer Farm, sind irgendwie alle todmüde heute. War früh heute morgen und dann den ganzen Tag voller Eindrücke. Legen uns im Laufe des Nachmittags alle zum Mittagsschläfchen aufs Ohr, bevor wir uns gegen 18 Uhr wieder im Gastraum treffen, schwätzen, chatten, bloggen etc. In Laubach gibts gerade einen Feuerwehreinsatz, bekommen unsere Blaulicht-Leute im Reiseteam mit. Und heute Vormittag hat einer im Altstadtcafé Leute bedroht - bleibt uns im Busch alles nicht verborgen.

Um 19 Uhr gibts leckeres Essen - Springbock gegrillt und gebraten mit leckeren Beilagen. 

 
Wir sitzen noch bis 21 Uhr schön zusammen, bevor sich die Wege in die Zimmer und Betten trennen. Morgen haben wir einen langen Weg vor uns - zur Etendero-Farm eines ausgewanderten Rabenauers...